Hauptreferate

  • Lic. phil. Martin Rufer, Bern

    «Mir selber bringt das nichts» – Systemische Therapie neu verstehen und gestalten

    ReferentInnen

    Martin Rufer, Psychologe und Psychotherapeut FSP

     

    Zusammenfassung

    Psychotherapeuten gehen davon aus, dass Therapie ohne Therapiemotivation nichts bringt. Mit dem Fokus auf unmotivierten jugendlichen Patienten und dem klinischen Blick auf die psychische Störung wird übersehen, dass sich mit dem Einbezug von Angehörigen Perspektiven eröffnen und Therapie „mit Dritten im Bunde“ zum entscheidenden Wirkfaktor werden könnte. Erst im (Bindungs-)Kontext lässt sich im „Nein“ Sinnhaftigkeit erkennen und nicht selten wird der Widerstand zum Türöffner für anstehende Veränderungen. Will man in dieser Systemdynamik aber nicht scheitern, braucht es „systemkompetente“ Therapeuten und eine feinfühlige Prozessteuerung.

    Die Theorie der Selbstorganisation bietet schulenübergreifend ein systemisches Modell, das hilft Komplexität als Musterbildung aus den Systemen selbst heraus zu erfassen. Entlang einem Verständnis von Psychotherapie als Praxis der Selbstorganisation werden die zu beachtenden Wirkprinzipien erläutert und an Fallbeispielen konkretisiert. So können Therapeuten erkennen, dass Motivation Teil des Therapieprozesses ist und werden fähig auch mit scheinbar unmotivierten Klienten zu kooperieren.

     

    Literatur

    Rufer, M. (2012): Erfasse komplex, handle einfach. Vandenhoeck & Ruprecht

    Handout (pdf 118 kB)

  • Prof. Dr. rer. nat. Silke Wiegand-Grefe, Hamburg

    Jugendliche zwischen Risiken und Resilienz in belasteten Familien – eine wissenschaftliche Perspektive

    ReferentIn

    Prof. Dr. rer. nat. Silke Wiegand-Grefe

     

    Zusammenfassung

    Kinder und Jugendliche psychisch kranker Eltern sind in der internationalen Forschung als Hochrisikogruppe für die Entwicklung eigener Auffälligkeiten bekannt. Psychosoziale Belastungen in der Familie spielen bei einer gesunden psychischen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen eine wesentliche Rolle. Die subjektiven Belastungen können zu Risikofaktoren werden, so dass etwa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen selbst psychisch auffällig wird. Gleichzeitig erweisen sich eine Reihe von Kindern und Jugendlichen als äußerst resilient gegenüber schwierigen Entwicklungsbedingungen. Im Vortrag werden Auszüge aus unseren Studien über den Einfluss familiärer Risiko- und Resilienzfaktoren auf die Entwicklung und psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen und deren Veränderungen durch die Familienintervention CHIMPs (Wiegand-Grefe, Halverscheid & Plass, 2011) vorgestellt.

     

    Literatur

    Wiegand-Grefe, S., Halverscheid, S. & Plass, A. (2011). Kinder und ihre psychisch kranken Eltern. Familienorientierte Prävention – der CHIMPs Beratungsansatz. Göttingen: Hogrefe. 3

  • Dr. med. Reinhard Waeber, Brig

    Jugendliche zwischen Aussenwelt und Innenwelt – Zusammenhänge zwischen personalen, familialen und jugendpsychiatrischen Systemen

    Referent

    Dr. med. Reinhard Waeber

     

    Zusammenfassung

    Interaktionsprozesse zwischen der kindlichen Innenwelt und seiner Aussenwelt sind für die Psychogenese und Identitätsbildung beim Jugendlichen und jungen Erwachsenen von erstrangiger Bedeutung.  Die im Konzept der „Affektlogik“ (Ciompi, 1982) formulierte Hypothese, dass enge Beziehungen zwischen intrapsychischen Vorstellungen über familiäre Bezugspersonen und tatsächlichen familialen Konstellationen bestehen, hat sich seither bestätigt und konnte in der Systemtherapie mit Kindern und Jugendlichen im ambulanten und stationären Bereich nutzbringend angewandt werden.

     

    Im Rahmen des Vortrags werden anhand von Fallbeispielen aus der systemischen Alltagspraxis am Psychiatriezentrum Oberwallis Zusammenhänge zwischen jugendlichen, familialen und professionellen Welten aufgezeigt und mögliche fallzentrierte therapeutische Implikationen einerseits und mögliche Organisationsstrukturen im ambulanten und stationären professionellen Kontext andererseits skizziert.

  • Prof. Dr. phil. Dipl. Psych. Klaus E. Grossmann und Dr. phil. Dipl. Psych. Karin Grossmann

    Bindungen – Das Gefüge psychischer Sicherheit und Unsicherheit

    ReferentInnen:

    Prof. Dr. phil. Dipl. Psych. Klaus E. Grossmann

    Dr. phil. Dipl. Psych. Karin Grossmann

     

    Zusammenfassung:

    Das neugeborene Kind ist eine physiologische Frühgeburt. Sein Verhalten wird wesentlich vom Mittelhirn, dem limbischen System, dem Sitz der Gefühle, gesteuert. Organisiert werden die Gefühle durch die Qualität der Interaktion und die Zuwendung besonderer, zuverlässig verfügbarer Betreuer, meist Mütter. Diese werden dadurch zu individuellen Bindungspersonen. Sie sind als „externe Organisatoren des Befindens“ essentiell für das Kind und als individuelle Person nicht austauschbar. Bindungen zu weiteren Personen entwickeln sich jeweils neu. Die Feinfühligkeit der Beantwortung kindlicher Signale beeinflusst die Qualität der sich entwickelnden Bindungsbeziehungen.

     

    Bindungspersonen sprechen auch zu ihren Kindern, spätestens von Geburt an. Sprechen ist ein elementarer Bestandteil der Feinfühligkeit. Der Inhalt des Gesprochenen beginnt sich für das Kind ab dem zweiten Lebensjahr zu erschließen, meist in Situationen gemeinsamer Aufmerksamkeit gegenüber Ereignissen, die durch Anteilnahme, Benennung und Interpretation für das Kind bedeutsam werden. Dazu gehört auch die sprachliche Darstellung von Gefühlen beim Kind und bei der Bindungsperson.

     

    Eine lebenslange Bindungsentwicklung ist psychisch sicher, wenn 1. Bindungspersonen eine sichere Zuflucht bei Verunsicherung (‚haven of security‘), und eine sichere Basis (‚secure base‘) für unbeeinträchtigt spielerisches Erkunden waren und sind, und wenn 2. eine sichere Organisation von Gefühlen und ihre interpretative Bedeutung übereinstimmen, d. h. ‚kohärent‘ sind. Psychische Sicherheit ist adaptiv, weil das Empfinden des Kindes (Gefühle) und dessen äußere Entsprechung (Wirklichkeit) stimmig sind. Dies befördert individuelle Autonomie.

     

    Psychische Unsicherheit entwickelt sich, wenn all dies fehlt, unzureichend oder unzuverlässig ist, und wenn sich sprachlich keine verlässliche Stimmigkeit zwischen Gefühlen und Wirklichkeit und weniger Reflexionen darüber entwickelt haben. Die Entwicklung individueller Autonomie psychisch sicherer Kinder ist dann durch unsichere Gefühlsorganisation und durch mangelnde Möglichkeiten des Nachdenkens über Motive und Lösungen eingeschränkt. Beispiele sind die klassischen unsicheren Bindungsmuster Vermeidung und ängstliche Ambivalenz, vor allem aber traumatisch bedingte Desorganisation, die später häufig den autonomen Umgang mit Anforderungen im Leben besonders stark beeinträchtigt.

     

    Literatur

    Grossmann, K., Grossmann, K.E., Kindler, H., & Zimmermann, P. (2008). A wider view of attachment and exploration: The influence of mothers and fathers on the development of psychological security from infancy to young adulthood. In J. Cassidy & P. R. Shaver (Eds.), Handbook of attachment: Theory, research, and clinical applications. 2nd Ed., Chapter 36 (pp. 857-879). New York: Guilford Press.
    Karin Grossmann & Klaus E. Grossmann (2012). Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit. Klett-Cotta.
     
    Gemeinsame Auszeichnungen:
    2006: The Bowlby/Ainsworth Award des New York Attachment Consortiums for “demonstrating the central roles of ethological observation, cross-cultural data, and longitudinal designs in attachment study” und
    2007: Arnold-Lucius-Gesell Preis der Theodor-Hellbrügge-Gesellschaft für „… die außergewöhnlichen Forschungsergebnisse … aus ihren bahnbrechenden Längsschnittstudien zur Entwicklung der Eltern-Kind-Bindung.

  • Dr. med. Monique Liechti-Darbellay & Dr. med. Jürg Liechti, Bern

    Verstörte Jugendliche, verunsicherte Eltern – nahe Beziehungen als Angelpunkt für die systemtherapeutische Veränderung

    ReferentInnen

    Dr. med. Monique Liechti-Darbellay
    Dr. med. Jürg Liechti

     

    Zusammenfassung

    Systemtherapie und Bindungstheorie befassen sich mit demselben Gegenstand, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen und Methoden: mit familiären Beziehungen als bedeutungsvoller Erfahrungskontext für günstige oder ungünstige psychische Entwicklungen. Die Anwendung wissenschaftlicher Konstrukte der Bindungstheorie auf Ursachen und Behandlungsmodelle von psychischen Störungen gewinnt für die systemische Therapie zunehmend an Bedeutung. Eine bindungsbasiert-systemische Optik plausibilisiert zum einen zentrale Annahmen der Systemtherapie durch empirische Befunde aus der Bindungsforschung. Zum andern erlaubt sie ein vertieftes Verständnis der „auffälligen“ Verhaltensweisen bei verstörten Jugendlichen in ihrem relevanten Lebens-, Entwicklungs- und Beziehungskontext (Familie, Peers, Schule), der von Unsicherheiten, Loyalitäten, Ambivalenzen, Ängsten, Verpflichtungen und „unsichtbaren Bindungen“ (Boszormenyi-Nagy u. Spark 1981) geprägt ist.

    Daraus ergeben sich Konsequenzen für die Therapie. Therapiemotivation, Kooperation und die angemessene Auseinandersetzung mit realen Entwicklungsaufgaben können bei psychisch belasteten Jugendlichen dadurch verbessert werden, dass in ihrem Auftrag (das bedeutet ganz praktisch, die jugendliche Person als „Expertin ihrer [Leidens-] Situation“ zu verstehen!) und in Zusammenarbeit mit den relevanten Anderen (das sind bei Jugendlichen meist die Eltern) ein Therapiesystem hergestellt wird. Letzteres umfasst all jene Menschen, die sich über eine belastete Kommunikation um ein Problem herum (Problemsystem) organisiert haben und nun zusammen mit einer Fachperson die Klärung der Kommunikation, das Aushandeln erwünschter Ziele, gemeinsames Handeln und das Erleben psychischer Sicherheit als Basis für die Ingangsetzung stagnierender Entwicklungsprozesse anstreben. An praktischen Beispielen aus der ambulanten Therapie mit verstörten Jugendlichen und ihren verunsicherten Eltern wird dargestellt, wie eine bindungsbasiert-systemische Optik attraktive Ansatzpunkte für hilfreiche Veränderungen bietet.

     

    Literatur

    • Liechti, J. (2008): Magersucht in Therapie – Gestaltung therapeutischer Systeme. Heidelberg: Carl Auer Verlag
    • Liechti, J. (2009): Dann komm ich halt, sag aber nichts – Motivierung Jugendlicher in Therapie und Beratung. Heidelberg: Carl Auer Verlag
    • Liechti, J., Liechti-Darbellay, M. (2011): Im Konflikt und doch verbunden. Der systemtherapeutische Einbezug von Angehörigen: Ressource und Herausforderung. Heidelberg: Carl Auer Verlag
  • Dr. med. Wilhelm Rotthaus, Viersen

    Theorie und Praxis einer systemischen Psychotherapie mit Jugendlichen

    Referent

    Dr. med. Wilhelm Rotthaus

     

    Zusammenfassung

    Die Psychotherapie mit Jugendlichen ist nicht zufällig die zeitlich jüngste Psychotherapieform. Lange Zeit galten Jugendliche als einer Psychotherapie nicht zugänglich. Wenn ein Jugendlicher sich auf Therapie einlässt, gerät er im Prinzip in Konflikt mit seinen Entwicklungsaufgaben der Ablösung von den Eltern und anderen Erwachsenen, der Selbstbestimmung und der Orientierung an Gleichaltrigen. Dementsprechend schätzen Jugendliche zwar durchaus Gespräche mit Erwachsenen, aber sie fürchten sich vor jeder Form von Abhängigkeit. Viele Jugendliche begegnen der Therapeutin zunächst sehr zurückhaltend. Sie haben ein generelles Misstrauen im Hinblick auf die Vertrauenswürdigkeit von Erwachsenen entwickelt. Im Zweifelsfall schweigen sie oder reagieren mit Äußerungen wie "Weiß nicht ...", "Keine Ahnung ...", "Ist mir doch egal ..." oder zeigen sich im Streit mit den Eltern kämpferisch und unerbittlich. Welche guten Gründe die Jugendlichen für ihr Verhalten haben und wie man als Psychotherapeut(in) Zugang zu ihnen finden kann, ist der Inhalt dieses Vortrags.

     

    Literatur

    • Stationäre systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie (Dortmund, verlag modernes lernen, 2. Aufl. 1998);
    • Wozu erziehen? Entwurf einer systemischen Erziehung (Heidelberg, Carl-Auer-Systeme Verlag, 7. Aufl., 2010);
    • Systemische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (Heidelberg, Carl-Auer-Systeme Verlag, 3. Aufl., 2005), (Hrsg.)
    • Auffälliges Verhalten im Kindesalter – Handbuch für Eltern und Erzieher, Band 1 (zusammen mit H. Trapmann), Dortmund, verlag modernes lernen, 12. Aufl., 2005);
    • Auffälliges Verhalten im Jugendalter – Handbuch für Eltern und Erzieher, Band 2 (zusammen mit H. Trapmann), 2. Aufl., Dortmund, verlag modernes lernen, 2008).

    Handout

    Folien zum Download (pdf 5.0 MB)